Big Apple Rappin’

Man stelle sich vor: Es ist 1981, man lebt in der Bronx, es ist ein Freitag Abend. Zum Ausgehen wirft man sich in Schale: Die Jeans ist von Sergio Valente, an den Füßen Kareem Abdul Jabbars, auf dem Kopf ein Kangol-Hut, auf der Nase eine kantige Cazal, auch wenn man eigentlich keine Brille braucht. Das Ziel des Abends: Der Club Disco Fever in der Bronx , wo die ersten großen Stars des Rap wie Kurtis Blow oder die Cold Crush Brothers ihre Drinks nehmen, und DJs wie Grandmaster Flash, DST oder DJ AJ sich die Klinke in die Hand drücken. Im Disco Fever spielt man Cover-Versionen von Disco-Tracks, über die MCs rappen, Reggae im Boogie-Tempo und Rap-Stücke, auf denen die ersten rhythmischen Gehversuche mit Drum-Machines unternommen werden. In der Musik spiegelt sich die Zeit des großen Übergangs wieder: Die Block-Party-Experience, die mit Kool Herc nach New York importierte Sound-System-Kultur Jamaikas und der langsam verblassende Disco-Groove von gestern sind noch wichtige popentitätsmerkmale, aber es wird schon Downtown mit No Wave geschmust, und die elektronische Rap-Revolution mit Afrika Bambaataas „Planet Rock“ steht unmittelbar bevor.
Den aufregenden Soundtrack dieses Settings findet man jetzt auf der grandiosen „Big Apple Rappin’“-Compilation von Soul Jazz, die Schlüsseltracks, Hits und Obskures aus den frühen Tagen der New Yorker HipHop-Kultur von 1979-1982 präsentiert. Die sechzehn, ungemixt und in voller Maxi-Länge gefeatureten Tracks zeigen, welche Stilblüten Rap-Musik zu dieser Zeit im großen Apfel trieb – jenseits der bereits einschlägig bekannten Tracks von Sugar-Hill- und Enjoy- Compilations. Zum Beispiel das von Joe Gibbs produzierte „Sure Shot“ von Xanadu, in dem in bester Block-Party-Manier nonstop über den Disco-Kracher „And The Beat Goes On“ der Whispers gerappt wird. Oder, noch eine Ecke lustiger, Mr Q’s „DJ Style“, in die ein MC über eine ausgedünnte Version von Michael Jacksons „Don’t Stop Till You Get Enough“ singt. Großartig auch: Der Reggae-Rap „Rapping Dub Style“ von General Echo, der, ähnlich wie die Jamaican Girls mit „Rock The Beat“ die jamaikanischen Wurzeln der New Yorker Alten Schule hervorhebt. Neben diesen Kuriositäten und den etwas bekannteren Tracks von Spoonie Gee, T Ski Valley oder den Cold Crush Brothers finden sich auf dieser Compilation aber vor allem jene „In Between“-Tracks, die den Charme und das immer noch popeenspendende Potential dieser Jahre festhalten: Etwa der kinnladenherunterklappende, mit schönsten Acpop-Sounds angereicherte Funk-Burner „Fly Guys Rap“ von den Fly Guys, oder das Proto-Electro-Stück „Funkbox Party“ von Masterdon Committee. Die Compilation kommt stilecht in einem an alte MC-Battle-Plakate erinnernden Design, plus einem 64-seitigen Booklet, in dem die goldenen Jahre des HipHop zusätzlich mit diversen Interviews, Anekdoten und Fotos illustriert werden. Wer Bücher wie Martha Coopers „Hip Hop Files“ und „Yes Yes Y´All“ schon im Schrank stehen hat, wird darin wenig Neues entdecken, musikalisch aber erzählt „Big Apple Rapping“ die Geschichte der New Yorker HipHop-Old School aus einer neuen Perspektive. Und diese klingt heute besser als je zuvor.
Tipp: Spoonie Gee „Spoonin´Rap“, The Fly Guys „Fly Guys Rap“, Spyder D „Big Apple Rapping“

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