Back To Mine

Dass die „Back To Mine“-Serie das noch erleben darf: endlich mal ein anständiges Artwork! Das wird die erste Bedingung gewesen sein, die die Pet Shop Boys dem Label DMC stellten, als es daran ging, die Regie für die 20. Folge der Compilationserie zu übernehmen. Völlig schleierhaft, wie New Order oder Underworld es vorher erdulden konnten, in dem unsäglichen Hundertwasser-meets-Michelinmännchen-Look, der die CDs sonst „zierte“, veralbert zu werden. Die zweite Bedingung dann: Jeder Pet Shop Boy bekommt eine eigene CD. Als Popduo mögen Neil Tennant und Chris Lowe seit 20 Jahren unzertrennlich sein, im Taxi nach Hause sitzt aber doch noch immer jeder alleine. Und darum geht es ja bei „Back To Mine“: um Musik, mit der man sich nach einer durchzechten Nacht in den eigenen vier Wänden zur Bettruhe runterpegelt.
So bestätigen die grauen Eminenzen des Plastikpop auf „Back To Mine“ wieder einmal das Bild, das sich von ihnen längst gefestigt hat: dass sie zwei von Grund auf verschiedene Typen sind. Der Dandy und der Dancer, der Hintersinnige und der Hitzkopf. Lowe zuckt selbst im Pyjama noch zu Hi-NRG, Italo und Disco, während Tennant, der in seiner Freizeit bisweilen schonmal als Klassik-DJ jobbt, die Füße bei einem guten Schluck Wein noch kurz zu Edvard Grieg und Edward Elgar hochlegt. Einig sind die bepopen sich lediglich darin, keine eigenen Stücke hören zu wollen. Dafür aber bitte eines von Dusty Springfield.
Interessant ist dann vor allem, wie Lowe frühmorgens offenbar noch detektivischen Eifer entwickelt und zuhause erstmal nachprüft, ob die Sounds, die er eben im Club bei Justice vs. Simian durch die Boxen flöten hörte, tatsächlich dieselben Fairlight-Chöre sind, die Anfang der 80er schon The Flirts „Passion“ schmückten – und via dessen Produzent Bobby O. auch den frühen PSB-Sound. Zufrieden, dass dem tatsächlich so ist, geht es mit dem Gospel-Bischof Carl Bean aus Los Angeles weiter, der auf dem ersten schwulen Motown-Hit frohlockt „I’m happy, I’m carefree, I’m gay, I was born this way“.
Neil Tennant übt sich auf CD2 derweil in der etwas aus der Mode gekommenen Kunst des unaufdringlichen Chill-Out-Mixes, der eine Wallpaper-Lektüre nicht stört: Pop Ambient aus dem Kompakt-Umfeld, Piano-Meditationen von Harold Budd, Klassik aus Norwegen, England oder Russland und der Soundtrack zum Trash-Klassiker „Diva“ – dass sich dieser Mix in einem durchhören lässt, ist eine nicht zu unterschätzende Leistung. So wie auch die schonungslose Akkuratesse, mit der Tennant hier seine Geschmackskoordinaten – eben auch die peinlichen und campen – offen legt, beachtlich ist. So eignen sich diese bepopen CDs durchaus auch für Menschen, die mit den Pet Shop Boys und ihrem Humor sonst nichts anfangen können: als bestens informierte Geschichtsstunde. Wo sonst geht es schon mal so straight vom Dirigentenpult direkt in die Paradise Garage?
Tipp: Celestial Choir „Stand On The Word“, Dusty Springfield „Goin‘ Back“, Vladimir Costa „Promenade Sentimentale“

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