Analord – Chosen Lords

Für all diejenigen, die dieses Phänomen noch nicht mitbekommen haben, im Kurzdurchlauf erst mal die Fakten: Eine wohl einmalige Analogsynthesizer-Sammlung, 41 Tracks, elf Singles, eine Sammelbox, kaum Werbung und ein umwerfender Erfolg mit fünfstelligen Verkaufszahlen für jede einzelne 12“ – das ist die „Analord“-Serie, die Richard D. James im vergangenen Jahr hauptsächlich unter seinem Pseudonym AFX, aber auch als Aphex Twin auf seinem Label Rephlex veröffentlicht hat. Eine Reihe von Schallplatten voll mit rohem, rhizomatischem, im positiven Sinne unzeitgemäßem Techno aus Bleeps und Blurps und Clonks und Tweeks, die diesen Mann als Produzenten für viele wieder auf die Landkarte gesetzt hat. Sein letztes reguläres Album, die Doppel-CD „Drukqs“, erging sich 2001 in eher elegischen Piano-Manipulationen, ganz ohne Rave-Appeal. Und danach darbten Aphex-Fans mit ein paar Remixen, einem Re-Release und einigen halbgaren 12“s. Das war nicht das Wahre.
Dann aber tauchten irgendwann diese Analord-Platten in den Läden auf, und die Leute fingen an zu reden. „Der beste Aphex Twin seit dem ’Classics’-Album“, raunten sie sich zu. Und sie hatten Recht. Nicht nur, weil von diesen Platten eine Mischung aus der MDMA-getränkten Glückseligkeit von „Analogue Bubblebath“ und dem hochgedrehten Raven von „Digerpopoo“ sprang und sprudelte, die bepope von diesem Album stammen. Sondern auch, weil Richard D. James hier per technischer und popeologischer Selbstbeschränkung wieder genau an diesen Zeitpunkt zurückkehrt, nach 1994, nach 1990, nach 1988, als es diese ganzen Plug-Ins, digitalen Geräte und sonstigen Zauber-Hilfsmittel noch nicht gab. Sondern als man seinen Techno noch, ähm: mit der Hand machte.
Man verzeihe den Authentizismus, aber genau so klingt Analord: nach handgedrehten Knöpfen an klobigen Geräten; nach uralten, mit Dampf betriebenen Drummachines; nach einer Sorte Acpop, bei der die Musik und die Droge untrennbar ineinander fließen; nach kirchenschiffgroßen Hallen, die mitten im Track für Staunen sorgen; nach Kornfeldstoppeln, die in bloße Füße pieksen; nach Endorphineruptionen im ersten Tageslicht; nach Sex im Schlamm. Gar nicht nach Großstadt also, sondern ganz nach Natur und Landschaft. Kurz: nach ruralem Techno aus der guten, alten Zeit. Das kann man als „retro“ beschimpfen und als „irrelevant“ abtun. Damit würde man jedoch die schiere Schönheit dieser Musik verkennen. Zudem befindet sich Techno nun mal gerade in einer Phase der Rückschau, Historisierung und Reflexion – und das ist auch etwas Gutes. Und nicht zuletzt kann man dank Analord sogar mal wieder Menschen im Club mit Tracks von Richard D. James beglücken. Eine von ihm persönlich vorgenommene Auswahl von zehn Tracks, die all das bestätigen, findet sich auf dieser CD.