MOTHERBOARD Juli/August 2011

Nach vielen Jahren der Produktion cineastischer Perlen verfolgt Henrik Jonsson alias Porn Sword Tobacco seit einiger Zeit auch gerade Beats. Jetzt veröffentlicht der bärtige Schwede gleich ein ganzes Bündel davon: „Olpopan“ (Kontra-Musik/Clone), die gemeinsam mit Landsmann Joel Alter produzierte EP, umspielt gemächliche, sanft gefilterte Housebeats mit Orgelklängen und magisch summenden Analogsynthesizer-Flächen. „Jatten“, die B-Seite, segelt 15 Minuten lang über imaginäres Nadelgehölz. „En Livfull Skildring“ (Kontra-Musik/Clone), die zweite EP, begibt sich in tieffrequentere Bereiche und schickt knappe Rechteck-Basslinien gen Chicago. Im Remix von Move D sind die verborgenen Housestabs weiter nach vorne gerückt und laden zusammen mit perkussiven Sequenzerlinien auf die Tanzfläche ein. Einerseits der Tradition verpflichtet, andererseits verspielt – die „Nordic House“-Mischung geht auf. Unter dem Pseudonym Gunnar Jonsson gibt es bei Just Another Beat in Kürze bereits die nächste EP.

Cardopushers sehr gutes Yr Fifteen Minutes Are Up (Tigerbeat6/Cargo) könnte in unserer Kolumne „Mehr Bass!“ erscheinen, passt aber auch hier: ein Dubstep-verwandtes Album, das seine Antennen in viele Richtungen ausstreckt und trotzdem den Faden nicht verliert. Die Platte ist eine Überraschung, denn Cardopusher (alias Luis Garbàn aus Barcelona) stand bisher eher für heftige Breakcore-Gewitter. Hier zeigt er ein Faible für Pop, räumlich inszenierte Keyboard-Arrangements und schlanke Beatprogrammierung. Das garantiert Kurzweil und liefert auch die eine oder andere Paisley-Park-Referenz. Herausragend sind unter anderem der schnittige 2-Step-Funk von „Paintbrush“ und „We Want Ca$H“, die Oldschool-Hommage mit Linn-Kickdrum und dem Rapper Sensational.

Alice im Wunderland und ähnliche Zauberwelten tun sich auf, wenn Heartstrings (Noble) von Serph im CD-Spieler liegt. Das zweite Album des jungen Produzenten aus Tokio, der auch hier inkognito bleibt, klingt entschiedener als sein Vorgänger Vent: Bigband- beziehungsweise Orchestersamples, Spinette, 8-Bit-Patterns, Blockflöten, Klavierkaskaden und viele andere Elemente werden im Sequenzer zu einem heiteren Breakbeat-Fest versammelt. Geschwindigkeit und Abfolge der Stücke geben dem Hörer kaum Möglichkeit zum Verschnaufen, doch das nervt nur selten: Serph ist ein Virtuose des Sampling, dazu ein ziemlich guter Pianist. Und mit dem virtuellen, flinken Bossanova-Schlagzeug gibt es ein weiteres Element, das die Platte zusammenhält. Auch bei Manitutshu (eMEGO), der neuen Doppel-12-Inch von SNDs Mark Fell, ist Eskapismus ein Motiv: Die Platte enthält zehn Variationen von Oszillator-Stakkato, das sich selbst moduliert, vielleicht sogar selbst generiert. Die relativ kurzen Stücke wurden nach den ausführenden Presets benannt – Fell programmierte sie einst für Errorsmiths NI-Software-Synthesizer Razor – und zusätzlich mit operativen Beschreibungen wie “razor simple acid pause version with lfo to cutoff” versehen. Wenn man Manitutshu im Kontext anderer Musik hört, wirken Fells autarke Klangsysteme aufs Neue wie komplette Aliens oder radikal abstrahierende Filter. Ob diese Veröffentlichung den Alben Multistability und UL8 (dessen konzeptuelle Fortführung Manitutshu ist) wirklich noch etwas Essentielles hinzufügen kann, ist fraglich. Die beste Meldung am Schluss: Sven Kacireks in Afrika aufgenommene und zuhause in Hamburg produzierte Kenya Sessions haben zusammen mit Nicolas Jaars Debüt den Preis der deutschen Schallplattenkritik in der Kategorie „Nu and Extreme“ gewonnen. Dieser Coup wird mit der 10-Inch-Single „The Kenya Reworks“ (Pingipung/Kompakt) angemessen gefeiert. Darauf finden sich Remixe von Lawrence, Taprikk Sweezee und Kacirek selber sowie ein neues Stück namens „Takaye Village“: Muhende Kühe, zirpende Grillen und spontan mitgeschnittene Chants der Einheimischen ergeben hier mit Kacireks handgespieltem Drum’n’Bass ein interkontinentales Netzwerk der Musik.