RÓISÍN MURPHY Overpowered (EMI)

Diese Frau hat einen weiten Weg hinter sich, in mehrfachem Sinne. Róisín Murphy, aufgewachsen in einer Kleinstadt Irlands, war in ihrem Leben schon: eine hellhäutige Interpretin des P-Funks, die man irrtümlich in eine gerade aufgezogene Trendschublade einsortierte, später auch Hymnenlieferantin für Großraum-Diskotheken, dann kürzlich Knetmasse unter den Händen eines Eigenbrötlers. Und nun ist sie zu einer strahlenden Diva erwachsen, ohne dabei erwähnenswert gealtert zu sein. Gereift ist nur ihre Musik, durch denselben Rückgriff, den in den vergangenen Jahren auch schon Kylie für Fever oder Madonna für Confessions On A Dancefloor getätigt haben: den auf die goldene Disco-Ära im New York der späten Siebziger und frühen Achtziger nämlich. Nur, dass Murphys zweites Soloalbum Overpowered viel eleganter geworden ist als die genannten Platten ihrer erfolgreicheren Kolleginnen.

Das liegt zum einen daran, dass sie nicht wie Kylie damals Donna Summer gehört hat oder wie Madonna Boney M. Sondern die nicht offensichtlichen, die coolen, die richtigen Disco-Platten. Und zum anderen liegt es an ihrer Stimme, dieser exaltierten, zickigen, besonderen Stimme, die schon Moloko in den Neunzigern meilenweit über die benachbarten Mann-Frau-Triphop-Projekte hinausgehoben hatte. Solo erkundete sie diese Stimme erstmals 2005 auf Ruby Blue, das vor allem dadurch von sich reden machte, dass Matthew Herbert dafür aus dem Klang von fallenden Notizbüchern Beats bastelte. Ein Achtungserfolg, aber, wie so oft in jüngerer Vergangenenheit bei Herbert-Produktionen, auch etwas verkopft.

Auf ihrem zweiten Solo-Album hat sich Murphy nun locker gemacht. Sie ist ausgebrochen aus Herberts Kammerstudio, ist rund um die Welt gereist, hat in Miami oder Barcelona Lieder mit Seiji, Richard X oder Groove Armadas Andy Cato aufgenommen und diese in New York oder Las Vegas abgemischt. In Philadelphia ließ sie sich Streicher von der lebenden Legende Larry Gold arrangieren, und in Sheffield besprach sie sich mit der etwas jüngeren lebenden Legende DJ Parrot. Der und der New Yorker Danny Krivit steckten ihr dann auch all diese alten Disco- und House-Platten zu, die sich jetzt als Einflüsse auf dem Album abzeichnen. Platten von Patrice Rushen, der Universal Robot Band oder D-Train, aber auch Adonis’ „No Way Back“ oder „Voodoo Ray“ von A Guy Called Gerald, die sich beide in der Aufsehen erregenden Vorab-Single „Overpowered“ wiederfinden. Was dort begann, findet auf dem gleichnamigen Album nun seine Erfüllung: Disco-Eleganz, Disco-Abfahrt, Disco-Ambivalenz, getoppt von dieser so spröden wie verheißungsvollen Stimme. Eine Disco-Diva unserer Zeit. Und das ganz ohne Revival.