MARCO PASSARANI Sullen Look (Peacefrog)

Es gibt ihn: den „Sullen Look“ des Acid-House-Smileys. Auch er kann die Mundwinkel verziehen, kann ein mürrisches Gesicht machen. Und noch viele andere Gesichter und Grimassen sind möglich, wenn Marco Passarani dem Smiley ein menschliches Antlitz gibt: Aus den Dance-Musiken der späten achtziger Jahre entwickelt Passarani einen affektiven Reichtum, eine reich ausformulierte Pop-Sprache.

Passarani ist seit Anfang der neunziger Jahre Teil der Techno-Szene Roms. Er ist für die einflussreichen Labels Pigna und Nature verantwortlich, die mit ihrer speziellen Sichtweise auf abseitige Dance-Musiken, auf Italo, Electro und Acpop, ein wichtiger Input sind – und einen Gegenpool zur Den-Haager-Szene um Clone bilden. Das Album ist so was wie ein Resumée aller dieser Projekte.

Man kann seiner Musik entnehmen, dass er die Techno-Geschichte nach 1991 kaum noch mitgemacht hat. Stattdessen hat er auf den Prämissen der Musik bis zu dieser Zeit sein eigenes Sound-Universum erschaffen. Alles an diesem Album ist ausgearbeitet und komplex prozessiert: wie bei einem Bonsai-Baum gibt es extreme Begrenzungen und extreme Verfeinerungen. Während (Neo-)Acid ja immer eine ähnliche Psychedelik inszenieren will, erfindet Passarani einen ganzen Kosmos an Acid-Momenten. Beachtlicherweise gibt es hier in vielen Stücken keine Vier-Viertel-Beats. In der Art, wie die Struktur des Detroit-Tracks aufgebrochen und verkompliziert wird, erinnert das Album an die Musik Titonton Duvantés. Während oft die Acid-Spuren einfach neben den Beats herlaufen, gibt es bei Passarani wie bei Duvanté einen echten Dialog zwischen allen Elementen der Musik. Die 303 und die zahllosen anderen Synthesizer werden zu Stimmen. Die Synthesizer sprechen miteinander, die Drums haben nicht den Charakter von durchlaufenden Grooves, sondern entstehen als immer wieder neue Reaktion auf die anderen Elemente.

Diese Musik ist Kleinteiligkeitswahnsinn, Soundfetischismus, Sequenzingterror – und sie gehört zur gefühlvollsten elektronischen Musik, die zur Zeit zu hören ist. Passarani lässt die gesamte Gefühlswelt der Pop-Musik in den Sounds von Acid, Italo und 80er Electro stattfinden. An dem musikgeschichtlichen Moment, aus dem er heraus arbeitet, hat sich Techno noch nicht zur reinen Rave-Musik verselbstständigt, ist noch stark aus der Popmusik heraus gedacht. Deren Themen gehen hier in die Maschinenmusik über. Was einst Stimmen sangen, wird jetzt von Maschinen moduliert. Früher hieß es, Maschinen grooven besser als Menschen. Bei Passarani haben sie auch das authentischere, das innigere Gefühl. Passarani will beweisen, dass die 303 ein ebenso so zartes Liebeslied singen kann wie die menschliche Stimme. Das ist ihm hier gelungen. Smiley – auch du bist ein Mensch.